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Thema: Salutogenese

  1. #1
    alinz
    Kein Forenmitglied Avatar von alinz
    Hallo Ingo,

    ich habe darüber eine Publikation der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gelesen. Ich finde sie auch heute noch sehr interessant, konnte bisher aber nicht feststellen, in welcher Weise Antonowski's Arbeit in die Praxis transferiert wird. Manche Gedanken fand ich allerdings ansatzweise beim Lesen von Pflegetheorien wieder.

    Insofern würde ich mich über weitere Texte von Dir freuen.

    MfG, Andreas Linz


    Schnellsuche: Salutogenese

  2. #2
    Ingo Tschinke
    Kein Forenmitglied Avatar von Ingo Tschinke
    Hi Kollegen,

    würde mit euch gerne mal die Therorien von A. Antonowsky zur Salutogenese diskutieren. Kurz zusammengefasst geht es bei dem Salutogenese Konzept darum, dass man Gesundheit und Krankheit völlig anders betrachtet. Während die allbekannte Pathogenese fragt, was macht uns Krank betrachtet die Salutogenese Gesundheit und Krankheit aus der Fragestellung heraus, fast erhält uns gesund. Gerade in der Diskussion um Stressfaktoren in der Arbeit, in der Arbeitsumwelt, den Umgang miteinander ist dieses Konzept eine umwälzende Basis. Bei Aaron Antonowsky's Konzept handelt es auch nicht um eine abgedrehte neue Theorie, sie ist schon recht alt, aus den Siebzigern und Antonwsky ist seit 8 Jahren tot. Der Studiengang "Public Health/Gesundheitswissenschaft" basiert auf seinen Grundgedanken.

    Vielen, die sich im Studium befinden wird dies nicht neues sein, aber gerade für diejenigen, welche von dieser Theorie noch nichts gehört haben, würde ich gerne mal über diese andere Sichtweise diskutieren.

    Na, interessiert es euch?

    Cheers

    Ingo

  3. #3
    Ingo Tschinke
    Kein Forenmitglied Avatar von Ingo Tschinke
    Hallo Andreas,

    vielen Dank für dein Interesse an dem Thema der Salutogenese. Deswegen möchte ich mich einmal etwas zu dem Thema auslassen.

    A. Antonowsky hat in den siebziger das Konzept der Salutogenese entwickelt und damit ein Paradigmenwechsel in der Betrachtung von Krankheit und Gesundheit eingeleitet. Als Streesforscher fragte er sich, was uns eigentlich gesund erhält, denn bei einer Untersuchung an Frauen welche den Holocaust überlebt hatten und von denen sich im hohen Alter viele einer guter Gesundheit erfreuten. Bei der Frage nach der Definition von Krankeiheit und Gesundheit, stellte er fest, dass Gesundheit nicht nur das Fehlen von Kranheit ist, und formulierte das Modell des Gesundheits-Krankheitskontinuums. Damit ist gemeint, dass es keine klare Grenzlinie gibt, sondern dass vielmehr von einem Kontinuum zwischen den beiden Eckpunkten Gesundheit und Krankheit auszugehen ist. Die ansiedlung einer Person ist das Ergebnis eines interaktiven Prozesses zwischen belastenden Faktoren (Stressoren) und schützenden Faktoren (Widerstandsresourcen) im Kontext der Lebenserfahrung der Person. Als weitere, vergleichbare zentrale Widerstandsressource entwarf er das Konzept des Koheränzsinns. Mit diesem Konzept beschreibt er, dass Stressoren oder belastende Dinge Verstehbar, Handhabbar und mit einer Sinnhaftigkeit versehen sein müssen, um nicht als Belastung und damit krankmachend erlebt werden.
    Da fällt mir z.B. die Diskussion der letzten Tage auf dem Internistischen Forum um Planstellen ein. Hätte die PDL darauf geachtet, dass ihre Handlungen Verstehbar, für die Pflegenden Handhabbar und deren Sinnhaftigkeit nachvollziehbar ist, hätten ihre Entscheidungen keinen Stress hervorgerufen - dass ist ihr nicht gelungen. Das heißt im Umkehrschluss, wenn man dies Konzept in der Personalführung im Kopf hat, kann man vieles an Stress und Krankheit bei den Mitarbeitern, durch einfache Handlungsweisen vermeiden.

    In Deutschland wurde dieses System aufgegriffen und weiter diskutiert. Hurrelmann beschreibt zwar den großen stimulierenden Beitrag Antonowskys, kritisiert aber als Schwachsetllen des Modells die Einengung der Salutogenese auf rein körperliche Erkrankungen, die ausschließliche Verwendung negativer Faktoren, die ungenügende Analyse zwischen köerperlicher und seelischer Analyse und die mangelnde empirische Überprüfung des Modells (1992). Badura kritisierte weiter, dass nur rein kognitive Faktoren in dem Prinzip eine Rolle spielen.
    Weiterentwicklungen des Salutogenese Konzeptes finden sich in den Arbeiten von Becker in seinem integrativen Anforderungs-Resourcen-Modell und in Hurrelmanns sozialisationstheroretischen Modell von Hurrelmann. Nicht unerwähnt bleiben sollte auch noch das für die Stadt Toronto eigens entwickelte Mandala-Modell von Hancock.

    Für weitere Fragen stehe ich zur Diskussion.

    Cheers

    Ingo

  4. #4
    alinz
    Kein Forenmitglied Avatar von alinz
    Hallo Ingo,

    Du hast eine schöne knappe Zusammenfassung geschrieben. Das Konzept hört sich insgesamt recht brauchbar an, wobei es für mich so manche Fragen aufwirft. Ich hatte in meiner ersten Antwort schon nach dem Praxistransfer gefragt, weil das Konzept sehr theoretisch ist, also eigentlich mehr eine Erklärung zum Verstehen darstellt als einen therapeutischen Weg.

    Wenn ich weiter beim Arbeitsleben bleibe, sehe ich, dass ganz deutlich (bewußt?) nach Menschen mit einem hohen SOC (sense of coherence - Kohärenzsinn - Widerstand gegen Stress) und einem großen Repertoir an Widerstandsressourcen gesucht wird. Da werden die Anforderungsprofile entsprechend formuliert, dass Bewerber mit niedrigem SOC eher abgeschreckt werden. Diese sehen die Anforderungen als Herausforderung und bewerben sich, weil sie meinen die Anforderungen erfüllen zu können. Das läßt sich dann innerhalb eines Assessment Centers gut überprüfen.

    Aber zurück zum therapeutischen Nutzen. Für mich stellt sich die Frage nach dem Ansatzpunkt. Eigentlich muß nicht nur der SOC gestärkt werden, sondern paralell dazu dann auch Widerstandsressourcen aufgebaut werden.

    Ich habe mich ein wenig in die Arbeit von Aaron T. Beck (Kognitive Therapie der Depression, Kognitive Therapie der Persönlichkeitsstörung) eingelesen. Hier sind für mich als psychologischen Laien große Ähnlichkeiten gegeben, wobei Beck's Arbeit von entsprechend geschulten Psychologen therapeutisch angewendet wird. BTW.: Die Wirkung der in der Schmerztherapie angewendeten Entspannungstechniken können so sicher (Antonovsky) leichter begründet werden.

    Wenn sich meine Worte jetzt durcheinander, vielleicht ohne roten Faden anhören, so liegt das einfach daran, dass sich hier mit Plaintext keine Mindmap darstellen lässt. Meine Gedanken sind noch unsortiert - vielleicht hilft dies ja auch anderen auf diesen Zug zu springen.

    MfG, Andreas Linz

    [ 26. Oktober 2002 22:41: Beitrag editiert von Ingo Tschinke ]

  5. #5
    Ingo Tschinke
    Kein Forenmitglied Avatar von Ingo Tschinke
    Hallo Andreas,

    hab' Dank für deine Antwort zur Salutogenese.
    <BLOCKQUOTE>quote:</font><HR>
    Ich hatte in meiner ersten Antwort schon nach dem Praxistransfer gefragt, weil das Konzept sehr theoretisch ist, also eigentlich mehr eine Erklärung zum Verstehen darstellt als einen therapeutischen Weg.<HR></BLOCKQUOTE>

    In der Arbeit in der Psychiatrie hat mir das Konzept schon sehr geholfen, da es gerade z.B. bei Borderline Störungen sehr hilfreich ist, sich diese Modell vor Augen zu führen. Borderliner haben ein sehr niedrigen bis gar keinen SOC, Stress baut bei ihnen inneren Druck auf, den sie auf ihre Umfeld übertragen, sich Agressiv oder Auto-Agressiv verhalten. Hier gilt es den SOC zu stärken, in dem man die salutogenesen Faktoren betont, man muß es Verstehbar, Handhabbar und Sinnhaft machen, um Stresstraining umzubauen, da bietet sich der Einsatz sogenannter Skills an. Da hilft einem allerding die Resourcen Theorie von Hurrelmann noch um ein vieles mehr, da sie noch weiter geht als die Salutogenese.
    <BLOCKQUOTE>quote:</font><HR>
    Da werden die Anforderungsprofile entsprechend formuliert, dass Bewerber mit niedrigem SOC eher abgeschreckt werden. <HR></BLOCKQUOTE>

    Na, Andreas, dass ist aber übel gedacht. Man sollte die SOC nicht dazu nutzen, um sensibele MA gleich zu kicken, sondern um Konzepte in das Arbeitsleben einzuführen und die Mitarbeiter Stressfrei zu halten. Heutzutage ist im Pflegemanagement Mitarbeiterorientierung angesagt (obgleich dass viele PDL's noch nicht mitbekommen haben), wenn man Konzepte die man vermittelt nach den Salutogenese Faktoren ausrichtet, verursacht man keine Stress, die Krankheitsrate schiesst nicht in die Höhe. Schau dir doch mal an, was in Teams passiert, wo die meisten MA sich durch die Arbeit und das Umfeld gestresst fühlen, hohe Krankheitsrate und viel Frust.
    <BLOCKQUOTE>quote:</font><HR>
    Für mich stellt sich die Frage nach dem Ansatzpunkt. Eigentlich muß nicht nur der SOC gestärkt werden, sondern paralell dazu dann auch Widerstandsressourcen aufgebaut werden. <HR></BLOCKQUOTE>

    Ja, du hast es . Das ist dann die Weiterführung durch das Konzept Hurrelmanns, die SOC im Auge haben und die Widerstandsressourcen fördern.

    Cheers

    Ingo

  6. #6
    alinz
    Kein Forenmitglied Avatar von alinz
    Hallo Ingo,

    sorry, was wolltest Du eigentlich diskutieren? Bisher ist mir das nicht klar geworden.

    Im übrigen fällt mir auf, dass Aussagen zur Quantität des SOC (auch von mir) nicht klug sind, wenn nicht deutlich wird, dass die getroffene Aussage eine Hypothese ist. Und natürlich meine ich, wenn ich von einer Stärkung des SOC spreche, auf die Kontrollmechanismen einzuwirken. Anders geht es nicht, bitte um Verzeihung, wenn ich mich hierbei unklar ausgedrückt habe.

    Ich habe nichts übles gedacht, als ich von hochgesteckten Anforderungsprofilen sprach! Ein Unternehmen im Markt muß sich behaupten können. Das geht am besten, wenn von vornherein darauf geachtet wird, dass der Arbeitsplatz keine als Stress empfundenen Spannungen bietet. So bin ich in der Lage, den Anfängen einer krankmachenden Umgebung zu trotzen.
    In den Pflegeberufen geschieht oftmals genau das Gegenteil - über die Gründe will ich mich nicht weiter auslassen. Ich habe das an meinem letzten Arbeitsplatz selbst zu spüren bekommen. Da ließ ich mich von einem Unternehmen in die Position einer QMB abwerben. Die ersten Gespräche verliefen in Richtung PDL, wobei ich vor Vertragsabschluß mitgeteilt hatte, das ich formal nicht dafür qualifiziert bin und mich materiell auch nicht qualifiziert fühlte. Letztlich kam es so, dass ich aus der Situation heraus dennoch in diese Verantwortung und Aufgaben gedrängt wurde, weil man keine materiell qualifizierten Leute dafür fand. Ende des 6monatigen Spiels war, dass ich vollkommen überfordert, die vom mir erwarteten - aber vor allem nicht schriftlich kommunizierten - Ziele gar nicht erreichen konnte und seit 3 Monaten arbeitslos bin. So erging es allen anderen Mitarbeitern des Heimes ebenfalls. Nun ist mein CV mit zwei halbjährigen Tätigkeiten so weit zerstört, dass andere potentielle Arbeitgeber sich nicht die Mühe machen, mich überhaupt vorbehaltlos zu Gespräch einzuladen. Nun hoffe ich Unternehmensberater zu finden, welche mich vermitteln können. An solchen Beispielen kann man vortrefflich betriebliche Gesundheitsförderung diskutieren.
    <BLOCKQUOTE>quote:</font><HR> Ja, du hast es . Das ist dann die Weiterführung durch das Konzept Hurrelmanns, die SOC im Auge haben und die Widerstandsressourcen fördern.<HR></BLOCKQUOTE>
    Wolltest Du mir schmeicheln? Das war doch nur logisch nachgedacht ...

    MfG, Andreas Linz

  7. #7
    Ingo Tschinke
    Kein Forenmitglied Avatar von Ingo Tschinke
    Hallo Andreas,

    ich hatte das Thema damit angefangen, das es mich interessieren würde, wie die Leser über das Thema denken, da es andere Ansätze hat, als die Pathogenese der Medizin, mit der wir in unserem Beruf ständig konfrontiert sind.

    Es ging mir darum aufzuzeigen, dass man es einmal von einer anderen Sichtweise betrachten sollte.

    Deine eigene Erfahrung zeigt ja, wie es einem ergeht, wenn Situationen nicht mehr Verstehbar, Handhabbar und Sinnhaft sind, dass artet in Stress aus, der dich in ein Gefühl der Überforderung gebracht hat und ein weiterarbeiten unmöglich machte. Ich hoffe es gelingt dir einen neuen Job zu finden.

    Ingo

  8. #8
    alinz
    Kein Forenmitglied Avatar von alinz
    Hallo Ingo,

    ich habe das nicht geschrieben, um zu jammern, sondern weil Du Student des Pflegemanagements bist. Ich bin nur ein Beispiel von vielen, mit einer Erfahrung, die auch sicher andere machen bzw. gemacht haben.

    Ich zitiere mal was Du im Thread "Zwei Welten" geschrieben hast:
    <BLOCKQUOTE>quote:</font><HR>seit geraumer Zeit mache ich immer mehr die Erfahrung wie groß die Spannungsbreite zwischen der praktischen Pflegearbeit und der Pflegewissenschaft ist. Viele der Pflegenden in Deutschland setzten sich sehr wenig mit der Pflegewissenschaft auseinander oder wissen zumeist gar nicht worum es dabei geht.
    Mich würde es interessieren, wie es diejenigen von euch sehen, die sich mit dem Studium der Pflege beschäftigt haben mit diesem Spannungsfeld Theorie und Praxis geht und was für Denkansätze ihr habt, um die Pflegepraktiker zu erreichen.<HR></BLOCKQUOTE>

    Das Thema, welches ich hier anspreche und für viele Praktiker so sicher verständlicher wird, ist "Betriebliche Gesundheitsförderung unter Aspekten der Salutogenese". Wie stellen wir uns einen gesunden Arbeitsplatz in Zukunft vor und was muß aus Sicht des Management und aus der der Praktiker getan werden, um es umzusetzen?

    Ich denke anhand einer konkreten Frage lässt sich dass besser diskutieren. Vielleicht nehmen dann an der Diskussion nicht nur diejenigen teil, die sich ohnehin schon mit Salutogenese beschäftigt haben. Vielleicht wird dann auch die "Kluft" zwischen Theorie und Praxis kleiner.
    Wie gesagt, ich will hier nicht jammern, sondern das Thema erfahrbar diskutieren.

    MfG, Andreas

  9. #9
    Ingo Tschinke
    Kein Forenmitglied Avatar von Ingo Tschinke
    Hallo Andreas,

    ich habe das auch nicht als Jammern verstanden, was du aus deiner Sicht beschrieben hast - mir ist schon klar, warum du dieses eigene Beispiel eingebracht hast. Es ist wichtig, daran aufzuzeigen, um was es dabei geht - der beruflichen Gesundheitsförderung, dem Umgang mit Personal, dieses nicht auszunutzen und auszulustchen (um sie dann vor die Tür zu setzen), sondern ihnen einen stressfreien Arbeitsplatz zu schaffen, der ein Burnout, Überforderung verhindert. Eine vernünftige und reflektiere Personalentwicklung durchzuführen etc. pp.

    Es ist erfreulich mit dir das Thema zu diskutieren. Danke für deine Beiträge.

    Ingo

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